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ADHS und Bindung

Was für mich ziemlich naheliegend zu sein scheint, wollte ich genauer recherchieren. Den Zusammenhang eines unsicheren Bindungsstils mit ADHS. Wieso ich einen Zusammenhang sehe?



Menschen mit ADHS haben die spezifischen Auffälligkeiten seit frühester Kindheit. Vor allem in meiner Generation (80er/90er), war ADHS noch sehr wenig erforscht. Laute, rüpelhafte Jungs passten zunächst in das Bild. Von Mädchen war eher selten die Rede. Sie fallen häufig durchs Raster, weil Jungen doppelt so häufig ADHS haben als Mädchen, wobei der hyperaktive Typ sogar 2-9 mal so häufig bei Jungs auftritt. Doch ADHS betrifft sehr viele Menschen. Laut aktuellem Forschungsstand sind 5-15% von ADHS betroffen.

Wenn wir uns nun die Stereotype ansehen, fällt eins auf:

Kinder mit ADHS sind anstrengend!

Symptome


Doch schauen wir uns doch zuerst einmal die Symptome genauer an, um ADHS besser verstehen zu können.


Zu den Kernsymptomen gehören:


  • Unaufmerksamkeit

  • Impulsivität

  • Hyperaktivität


Es unterscheiden sich 3 Typen von ADHS (vorwiegend unaufmerksam, vorwiegend hyperaktiv/impulsiv, kombiniert), die bei jedem Menschen unterschiedlich stark ausgeprägt auftreten können.


Kinder mit ADHS leiden häufig an Dysfunktionen im Bereich der Aufmerksamkeit, des Gedächtnisses, der Wahrnehmung, der Sprache, des Problemslösens und in der sozialen Interaktion.


Die Schwierigkeiten mit der Konzentration werden besonders deutlich, wenn ein Kind vor eine Aufgabe gestellt wird, die eine hohe Aufmerksamkeit, schnelle Reaktion, räumliche Wahrnehmung und gezieltes Zuhören erfordert. Durch die gesteigerte Impulsivität können Kinder zu überstürzten Handlungen neigen und sich dadurch in Gefahr bringen. Auch die Schwierigkeit ruhig zu sitzen, wenn dies erwartet wird zeigt sich ebenso wie ein erhöhter Redefluss (Logorrhö) oder schnelles Sprechen. Die Beeinträchtigungen in der Aufmerksamkeit und Impulsivität wirken sich negativ auf die Entwicklung höherer kognitiver Fähigkeiten, Denk- und Lösungsstrategien, die Motivation für schulische Leistungen und die Anpassung an soziale Anforderungen aus.


Doch auch als Erwachsener bleiben die zugrunde liegenden neurophysiologischen Unterschiede bestehen. Auch die Verhaltenssymptome treten in etwa 50% der Fälle auch im Erwachsenenalter noch auf.


Bei Erwachsenen sind Symptome

  • Konzentrationsschwierigkeiten

  • Schwierigkeit Aufgaben zu erledigen

  • Stimmungsschwankungen

  • Ungeduld

  • Schwierigkeiten bei der Aufrechterhaltung von Beziehungen

Hyperaktivität bei Erwachsenen zeigt sich tendenziell eher als Rastlosigkeit und (innerer) Unruhe.


Einflussfaktoren und Ursachen


Wenn wir den Ursachen von ADHS auf den Grund gehen, gibt es noch sehr viel Forschungsbedarf. Es wird angenommen, dass prä- und postnatale Einflussfaktoren eine Rolle spielen wie Alkohol- und Drogenkonsum während der Schwangerschaft, ein Geburtsgewicht unter 1,5kg, Eisenmangel oder Kopfverletzungen.

Außerdem zeigt ADHS Verbindungen zu negativen Kindheitserfahrungen, wie Missbrauch und Misshandlung oder traumatische Erlebnisse. Nur bei weniger als 5% der Kinder mit ADHS wurden nachweisbare neurologische Auffälligkeiten festgestellt. Es wird zunehmend angenommen, dass die Unterschiede im dopaminergen und adrenergen System auf eine verminderte Aktivität oder Stimulation im oberen Hirnstamm und vorderen Mittelhirn zurückzuführen sind und die Ursache des Syndroms darstellen.

Das ADHS-Kind und das Umfeld


Nachdem ich nun einen Einblick in die Symptome gegeben habe wird vielleicht klar, welche Erfahrungen Kinder mit ADHS machen müssen. Sie stören durch Unruhe und Unaufmerksamkeit die Klasse, verletzen sich und andere durch ihr impulsives Verhalten und passen schlichtweg oft nicht in das neurotypische, gesellschaftliche Konstrukt.

Abwertung und Ausgrenzung

sind häufig die Folge. Dass das etwas mit dem Selbstwert des Kindes macht, erscheint logisch. Bedingt durch der schnellen, kognitiven, emotionalen und psychosomatischen Überlastung kommt es im Vergleich zu neurotypischen Menschen häufiger zu Misserfolgen und Versagenserfahrungen sowie dementsprechenden negativem Feedback.


Doch leider erhalten nicht alle Kinder direkt eine Diagnose oder haben Bezugspersonen, die genug Kapazitäten haben, um adäquat auf die individuellen Symptome einzugehen. Schnell entsteht auch durch die engsten Bindungspersonen Kritik und Abwertung. Das Kind lernt, dass es

nicht gut genug ist.

Viele Eltern reagieren aufgrund von Überforderung mit Ignoranz, Aggression oder deutlich gezeigter Enttäuschung über die Verhaltensweisen des Kindes.

Doch...


Was sagt die Forschung?


Es scheint einen Zusammenhang zwischen ADHS und Bindung zu geben. Bei Kindern, die eine stark unsichere Bindungsstörung aufweisen, konnte ADHS festgestellt werden. Dennoch wurde hier kein kausaler Zusammenhang festgestellt.

Es konnten jedoch einige Einflussfaktoren gefunden werden, welche die Ausprägung der ADHS Symptome beeinflussen können.

Als mögliche Risikofaktoren für das Ausbilden von starken ADHS Symptomen konnten perinatale Komplikationen, psychische Erkrankungen der Bindungspersonen (Depressionen, Angsstörungen), oder Substanzmittelkonsum während der Schwangerschaft, missbilligendes, kontrollierendes und forderndes Verhalten der Bindungspersonen oder ein “schwieriges Temperament” in der Kindheit herausgearbeitet werden.


Grundlage der aktuellen Forschung ist eine genetische Veranlagung für ADHS (5-fache Wahrscheinlichkeit bei erstgradigen Verwandten). Demnach lässt sich die ADHS-Symptomatik auch positiv beeinflussen. Wichtig ist eine elterliche Feinfühligkeit (Regulation eigener – auch negativer – Affekte, Vorhersehbarkeit von Reaktionen). Eine sichere Bindungsperson ermöglicht die nötige emotionale Sicherheit und stellt eine externe Hilfe zur Regulation dar.


Zusammenfassung


ADHS und Bindung können zusammenhängen, auch wenn die Forschung hier noch keine Eindeutigen belege liefert. Es gibt mögliche Risikofaktoren für die Manifestierung von ADHS wie eine genetische Veranlagung, perinatale Komplikationen und wenig feinfühlige, stark fordernde und psychisch kranke Bezugspersonen. Bindungsstörungen können auch Symptomüberschneidungen mit ADHS aufweisen und sind daher nicht immer einfach zu trennen. Ein unsicherer Bindungstyp kann mit späteren ADHD-Symptomen assoziiert sein, es wurde allerdings kein direkter kausaler Zusammenhang nachgewiesen. Eine ausreichende elterliche Feinfühligkeit kann die kindliche Regulationsfähigkeit beeinflussen. Ebenso eine wichtige Rolle spielt die psychische Befindlichkeit der Bezugsperson(en) im Umgang mit ADHS. Eine frühe präventive Beratung und Begleitung können präventiv wirken und sich günstig auf die Symptome, psychische Stabilität und Resilienz des Kindes auswirken und wir daher dringend empfohlen!


Quellen:  

  • Schimmelmann BG, Friedel S, Christiansen H, Dempfle A, Hinney A, Hebebrand J. Genetische Befunde bei der Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung. Zeitschrift für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie 2006; 34(6): 425–433.

  • Pinto C, Turton C, Hughes P, White S, Gillberg C. ADHD and Infant Disorganized Attachment. Journal of Attention Disorders 2006; 10 (1): 83–91.

  • Biederman J, Faraone SV. Current concepts on the neurobiology of Attention-Deficit/Hyperactivity Disorder. Journal of Attention Disorders 2002; 6:S7–16.

  • Schulze, U. 2008. ADHS und Bindung. In: Häßler, F (ed.), Das ADHS Kaleidoskop. Berlin: Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft. DOI: https://doi.org/10.32745/97839546618

  • Boznovik K, McLamb F, O'Connell K, et al: U.S. national, regional, and state‑specific socioeconomic factors correlate with child and adolescent ADHD diagnoses. Sci Rep 11:22008, 2021. doi: 10.1038/s41598-021-01233-2

  • Brown N, Brown S, Briggs R, et al: Associations between adverse childhood experiences and ADHD diagnosis and severity. Acad Pediatr 17(4):349–355, 2017. doi: 10.1016/j.acap.2016.08.013

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