Was ADHS-Kinder in der Schule wirklich lernen sollten
- Katharina Eder

- vor 13 Minuten
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Viele Kinder mit ADHS erleben Schule nicht als Lernort, sondern als dauerhafte Rückmeldung darüber, dass sie „nicht richtig“ sind. Zu unkonzentriert, zu langsam, zu chaotisch oder zu unklar. Sie können sich nicht so lange still halten, platzen vorschnell mit ihren Ideen heraus oder lassen sich ablenken. Vielen Kinder werde daher gerne mal als weniger intelligent eingeschätzt als sie tatsächlich sind. Dabei zeigt die Studienlage etwas ganz anderes. Kinder mit ADHS haben im Durchschnitt eine normale bis überdurchschnittliche Intelligenz. Ihre Schwierigkeiten entstehen vor allem in der Schule, die stillschweigende Fähigkeiten voraussetzt, die zur sogenannten exekutiven Steuerung gehören wie planen, strukturieren, Prioritäten erkennen oder implizite Erwartungen verstehen.

Noten messen Leistung nicht Denken
Ein zentrales Lernfeld für ADHS-Kinder wäre deshalb die Einordnung von schulischer Leistung. Noten spiegeln vor allem wider, wie gut jemand unter bestimmten Bedingungen funktioniert: Zeitdruck, wenig Struktur, viele implizite Regeln. Sie sind kein direkter Maßstab für Intelligenz, Kreativität oder Problemlösefähigkeit.
Studien zeigen, dass Kinder mit ADHS trotz vergleichbarer Intelligenz schlechtere schulische Leistungen erbringen, wenn exekutive Anforderungen hoch sind etwa bei offenen Aufgaben, komplexen Arbeitsaufträgen oder selbstständigem Arbeiten. Das führt häufig zu einer systematischen Unterschätzung ihrer Fähigkeiten. Was Kinder hier lernen sollten:
Noten sagen etwas über Rahmenbedingungen aus nicht über deinen Wert und nicht über dein Potenzial.
Nachfragen als wichtige Kompetenz
Viele ADHS-Kinder scheitern nicht am Inhalt, sondern daran, was eigentlich erwartet wird. Offene Aufgaben, unklare Fragestellungen und implizite Bewertungskriterien sind für sie besonders schwierig, weil sie hohe Anforderungen an Arbeitsgedächtnis und Selbststeuerung stellen. Studien zeigen, dass strukturierte Aufgabenstellungen, klare Kriterien und explizite Erwartungen die Leistung von Kindern mit ADHS deutlich verbessern ohne den Anspruch zu senken. Deshalb wäre eine zentrale schulische Kompetenz:
Zu lernen, wie man nachfragt, um Sicherheit zu gewinnen. Wie man klärt, was gefragt ist, wie umfangreich eine Antwort sein soll und worauf die Frage wirklich abzielt.
Der Weg ist das Ziel
Schule bewertet oft das Ergebnis, aber nicht den Weg dorthin. Für ADHS-Kinder ist genau dieser Weg entscheidend. Aufgaben zerlegen, Reihenfolgen festlegen und Zwischenschritte erkennen. All das sind Fähigkeiten, die nicht automatisch entstehen, sondern gelernt werden müssen. Wenn diese Prozesse explizit unterstützt werden, verbessert sich nicht nur die schulische Leistung, sondern auch das Selbstkonzept der Kinder.
Kinder sollten daher lernen, wie man Aufgaben in ihre einzelnen Schritte zerlegt, wie und womit man anfängt, wie und woran man merkt, dass man festhängt und wie man wieder handlungsfähig wird (und so gegen mögliche Blackouts arbeitet).
Überforderung erkennen und Bewegung etablieren
Ein häufiges Missverständnis: ADHS-Kinder kennen ihre Grenzen nicht. In Wahrheit erkennen viele Überforderung sehr wohl, nur oft zu spät und anhand Anzeichen, die erst erlernt werden müssen. Diese können sich Rückzug, Verweigerung, emotionale Dysregulation in Form von Wut/ Zorn, Weinerlichkeit oder starker Unruhe sowie Erschöpfung zeigen. In der Studie von Rapport et al. (2009) wurde gezeigt, dass frühe Interventionen, Pausen, Bewegungsimpulse und klare Strukturen Stress reduzieren und Lernprozesse stabilisieren können. Bei dieser Studie wurde außerdem deutlich, dass Kinder mit ADHS stärkere Bewegungsimpulse verspüren, je schwieriger die Aufgabe wurde. Hyperaktivität bei ADHS kann, in bestimmten Kontexten, kognitiv hilfreich sein. Gerade bei arbeitsgedächtnisintensiven Aufgaben wie Textverständnis, Problemlösen oder Strukturieren von Antworten kann Bewegung Teil der Regel sein, die diese Kinder brauchen, um ihr Denken ins Laufen zu bringen. Überforderung früh zu benennen und regulieren zu lernen, wäre deshalb eine sehr wichtige Schlüsselkompetenz nicht nur für Schule, sondern auch fürs Leben.
Das Problem ist nicht das Kind mit ADHS. Das Problem ist ein System, das Fähigkeiten voraussetzt, ohne sie zu lehren.
Warum Schule bei ADHS aber an ihre Grenzen stößt
An dieser Stelle ist mir wichtig, das einzuordnen: Das ist keine pauschale Kritik an Lehrer*innen. Viele arbeiten engagiert, reflektiert und am Limit dessen, was das System zulässt. Das Problem ist strukturell. Schule ist historisch darauf ausgelegt, Verhalten zu normieren, Leistung vergleichbar zu machen und Abweichungen zu korrigieren und nicht darauf, neurodiverse Lernprozesse mitzudenken. Lehrkräfte sollen individuelle Förderung leisten, bekommen dafür aber weder ausreichend Ausbildung zu ADHS und exekutiven Funktionen noch die zeitlichen und strukturellen Ressourcen, um das konsequent umzusetzen. Solange Schule primär Ordnung, Stillsein und Anpassung bewertet, werden Kinder mit ADHS weiterhin als „schwierig“, „unaufmerksam“ oder „leistungsarm“ gelesen, obwohl sie oft etwas ganz anderes brauchen. Nämlich Übersetzung und Verständnis statt Bewertung, Struktur statt Beschämung und die klare Botschaft, dass ihre Art zu denken kein Fehler ist.
Quellen
Barkley, R. A. (2015). Attention-Deficit Hyperactivity Disorder: A Handbook for Diagnosis and Treatment. Guilford Press.
Martinussen, R., Hayden, J., Hogg-Johnson, S., & Tannock, R. (2005). A meta-analysis of working memory impairments in children with ADHD. Journal of the American Academy of Child & Adolescent Psychiatry.
DuPaul, G. J., & Stoner, G. (2014). ADHD in the Schools: Assessment and Intervention Strategies. Guilford Press.
Diamond, A. (2013). Executive functions. Annual Review of Psychology.
Rapport, M. D., et al. (2009). Hyperactivity in ADHD: Implications for cognitive processing. Journal of Abnormal Child Psychology.

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